lutygel   »Vor zwanzig Jahren«, so erklären Sie ihm, »war mein Herr in der Stadt. Des Morgens, als er aus dem Hotel trat, fand er die Straße voller Blutegel. Schauerliche Kreaturen, groß und dick wie ein Männerarm, von dunkelgrüner Farbe. Einige krochen an der Bordkante entlang, ohne sich auf den Bürgersteig zu wagen. Andere hingegen waren die Straßenlaternen hinaufgekrochen, wo sie reglos verharrten, von ihren unteren Saugnäpfen gehalten, den Körper in die Luft gereckt. Meinen Herrn - so erklären Sie ihm weiter - überraschte die Gelassenheit, mit der die Leute dem Phänomen begegneten. Alle schienen an die Anwesenheit dieser monströsen Geschöpfe gewöhnt zu sein. Das Leben ging seinen normalen Gang. Die Geschäfte waren geöffnet (die öffentlichen Transportmittel waren in Betrieb), die Kinder liefen zur Schule und auf den Straßen umher, kurz, eine eilige Menschenmenge ging ihren Beschäftigungen nach. Mein Herr - so sagen Sie ihm weiter - gewahrte, daß Bekannte einander mit einem resignierten Lächeln grüßten, und daß alle (Alte, Erwachsene und Kinder) auf den Bürgersteigen liefen, wobei'sie, an den Häuserwänden Schutz suchend, sich so weit wie möglich von der Fahrbahn (das heißt so weit wie möglich von den Blutegeln) entfernt hielten. Dieser Umstand - an diesem Punkt erklären Sie Don Demetrio, daß ich Ihnen die Geschichte viele Male erzählt habe und Sie sich deshalb so genau erinnern —, dieser Umstand, so sagte ich, erzeugte bei den Fußgängern eine eigenartige Verwirrung, die sogar komisch hätte sein können, wäre sie nicht durch diese abscheulichen Kreaturen hervorgerufen worden. An einer Straßenecke stieß ein dicker Mann (einer dieser kurzsichtigen Jungwale, die meinen, die Welt gehöre ihnen) miteinem paketbeladenen Jungen zusammen (ein Ladengehilfe, dünn wie eine Zuckermandelstange). Infolge des Zusammenpralls stürzte der Junge und rollte an den Fuß einer Straßenlaterne. In Sekundenschnelle heftete der Blutegel seine Saugscheibe an die Wange des Milchbarts, ohne daß die Vorübergehenden versucht hätten, dies zu verhindern. Der Vorfall ereignete sich gegenüber einem Kolonialwarengeschäft (mein Herr erinnert sich ganz genau an diese Einzelheit), und zwei Minuten später (als der Junge schon das Bewußtsein verloren hatte), näherte sich der Besitzer des Ladens dem Ungeheuer und bestreute dessen Körper mit einem großen Paket Salz. Zwei andere Männer - der Dicke und noch einer - packten den Jungen an den Fußknöcheln, zogen ihn fort und befreiten ihn endlich von den Saugnäpfen. Sie können sich den Schrecken meines Herrn vorstellen, Don Demetrio - ergänzen Sie, nachdem Sie Atem geschöpft haben-, der diesem Drama voll Entsetzen beiwohnte. Er eilte in sein Hotel zurück, wo der Portier, der ihn eintreten sah, ihm einige Erklärungen zu geben wünschte. ›Ich verstehe, daß Sie empört sind‹, sagte er zu ihm. ›Sie müssen jedoch wissen, daß diese Blutegel schon einen Teil unserer Gemeinschaft bilden. Wir sind so sehr an sie gewöhnt, daß es uns Mühe kosten würde, auf sie zu verzichten. Sie kommen, saugen sich voll Blut und verschwinden. Dann kommen wieder andere, und der Kreis beginnt von neuem. Am Anfang ernährten sie sich von einer gemischten Kost aus Schnecken, Insekten und Krustentieren, doch jetzt ziehen sie unser Blut vor.‹ Mein Herr hob angstvoll die Hände. ›Und niemand wehrt sich?‹ rief er aus. ›Niemand protestiert? Niemand erhebt Einspruch ?‹ Der Portier zuckte die Achseln. ›Das Schlimmste ist‹, fuhr er fort, ›wenn man sieht, wie sie sich vor aller Augen fortpflanzen. Diese Viecher sind Hermaphroditen, sie haben nicht einmal ein eindeutiges Geschlecht.‹   - (marq)

Blutygel  (2)  Ich weiß wie die Kriminalwissenschaft vorgeht, sie gefällt mir nicht. Wenn sie es einmal auf jemanden abgesehen hat läßt sie ihn nicht mehr los, sie klebt an ihm wie ein Blutegel der im Volksmund

MIGNATTA *

heißt, ein widerwärtiges Tier das den Leuten, das Blut wegsaugt. Sie gleicht der Schnecke hat aber kein Häuschen, ihr Mund hat die Form eines Saugnapfs drei kräftige Kiefer achtzig kleine sehr spitze Zähne mit denen sie die Haut durchsticht. Einmal angesetzt hört sie nicht mehr auf zu saugen. Sie schwillt an bis zum Platzen und der Mensch kann ausgeblutet sterben. Früher wurde die Mignatta in den Spitälern verwendet anstelle des Aderlasses bei gewissen Krankheiten wie Lungenentzündung Gehirnkongestion und ändern Stauungen wie Venenentzündung und akute Nierenentzündung. Es gab in allen Städten Mignattazuchten sehr viele aber ließ man von Paris kommen. Heute findet man sie auf freiem Fuß auf den Straßen der Hauptstadt gegen Abend, in der Via Capo le Case in der Via del Tritone in der Via Veneto und beim Bahnhof. Oder auch weiter weg, in Tor di Quinto beim Ponte Milvio. Dort sind sie zu Hunderten.

Auch auf der großen Ringstraße findet man sie, vor allem auf dem Stück das die Autobahn mit der Autobahn nach Neapel und Mailand verbindet. Sie sitzen auf den Prellsteinen mit der Zigarette im Mund, sie tragen auffallende Kleider, sie schlagen die Beine übereinander um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Für Lastwagenfahrer machen sie Spezialpreise.

Die von der Via Veneto sind die besten und auch die teuersten, sie können bis vierhundert Mark kosten für einen Abend. Natürlich ändern sich die Preise je nach der Jahreszeit ziemlich stark wegen der amerikanischen Touristen. Die Polizei macht hie und da Razzien.

* süditalienische Bezeichnung für Blutegel und Dirne (Anm. d. Übers.)

- Luigi Malerba, Salto mortale. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1968)

Blut Raubsauger
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