Bettnässer  «Laß mich aus, Kleiner», sagte Dick. «Ich bin normal.» Und Dick meinte, was er sagte. Er hielt sich für so ausgeglichen und so normal wie die meisten - hatte vielleicht ein bißchen mehr auf dem Kasten als der Durchschnitt, das war aber auch alles. Mit Perry war es etwas anderes - der hatte nach Dicks Meinung schon «irgendwie eine Macke», um es mal harmlos auszudrücken. Im letzten Frühjahr, als sie zusammen in einer Zelle der Kansas-State-Strafanstalt saßen, hatte er so manches Ding mit ihm erlebt: Perry konnte quengelig wie ein Säugling sein, er war Bettnässer und weinte im Schlaf («Dad, ich hab dich überall gesucht, wo warst du, Dad?»), und Dick hatte beobachtet, wie er «stundenlang dasaß, an seinem Daumen lutschte und über diesen Scheiß-Broschüren von versunkenen Schätzen hockte». Das war die eine Seite; es gab noch andere. Der gute Perry war in mancher Hinsicht unberechenbar. Seine Wutausbrüche zum Beispiel. «Schneller als zehn besoffene Indianer» konnte er in Wut geraten. Und doch ließ er sich das nicht anmerken. «Er konnte drauf und dran sein, einem an die Kehle zu springen, aber man sah ihm das nicht an, er verriet sich mit keiner Miene», sagte Dick einmal. Denn so sehr die Wut in ihm kochte, äußerlich blieb Perry der kühle und gelassene harte Bursche und sah einen ruhig mit seinen verträumten Augen an. Eine Zeitlang hatte Dick geglaubt, er konnte seinen Freund unter Kontrolle bekommen und ihm diese plötzlich einsetzenden Wutausbrüche, die ihn bis zur Weißglut trieben, abgewöhnen. Aber das war ein Irrtum, und danach war er in bezug auf Perry unsicher geworden, er wußte überhaupt nicht mehr, was er von ihm halten sollte - wußte nur, daß er eigentlich Angst vor ihm haben müßte, und wunderte sich, wieso er die nicht hatte.  - (cap)

Bettnässer (2)  Woody sah, wie nackte Maulwurfsratten auf ihn zukamen, ohne Haare und Augen, Knochengerippe mit so großen Zähnen, daß sie den Mund nicht schließen konnten. Geschöpfe, die noch nie Licht gesehen hatten, die sonst nie aus der Erde hervorkamen, doch jetzt waren sie auf seinem Bett, auf ihm, nackte Maulwurfsratten krochen an seinem Körper herauf, und er konnte sich nicht bewegen. Er konnte nur den Kopf heben und »Ahhhh!« schreien.

Und die nackten Maulwurfsratten verschwanden.

Woody mochte die Augen nicht Öffnen. Jetzt glaubte er, in einem Krankenhaus zu sein und in der Nacht ins Bett gemacht zu haben. Er mußte in einem Krankenhaus sein, denn das Bett war unter seinem Rücken und seinen Beinen hochgestellt und er lag wie eingeklemmt darin. Jetzt glaubte er, Schläuche in der Nase, in den Armen und im Fimmel zu spüren, und wenn er den Bademantel öffnete, würde er den Schnitt in seinem Bauch sehen und das rosa Zeug, das wegen der Infektion heraussickerte. Dort hatten die Ärzte ihn aufgeschnitten, um nach einem Magengeschwür zu suchen, doch dann hatten sie festgestellt, daß er eine akute Gastritis hatte. Er hatte dem Arzt gesagt, er würde nicht mehr so viel essen. Der Arzt hatte gesagt, er solle auch mit den Cocktails vorsichtiger sein, einer vor dem Essen würde ja nicht schaden, aber... Als ob es so was wie >einen Drink< gab!

Allmählich wurde ihm klar, daß das vor sechs Jahren gewesen war und nicht jetzt, und daß gar kein Schlauch in seiner Kehle steckte — er hustete —, sondern daß das Gefühl davon kam, daß er die ganze Nacht nichts getrunken hatte. Er hörte diesen Lärm in seinen Ohren, dieses Zing! Ztng! Zing!, und hatte das Gefühl, daß sein Kopf und Mund mit heißen Autoabgasen gefüllt waren. Wo immer er also war, es mußte Morgen sein. Er wollte die Augen einen Spalt weit öffnen und nach dem Drink auf dem silbernen Tablett greifen, dem ersten, der ihm etwas Erleichterung verschaffen würde. Sicher, der Drink würde ihm Schmerz und Übelkeit bereiten, doch das war es wert, denn dann würde er ihm zu Kopf steigen und diese heißen Abgase abkühlen. - Elmore Leonard, Freaky Deaky. München 1989

 

Pisser Inkontinenz Bett

 

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Bettpisser