eschatten   Es gibt vier Regeln für das Beschatten: Sich möglichst hinter dem Menschen halten, den man beschattet; nie versuchen, sich vor ihm zu verstecken; sich ganz natürlich benehmen, ganz gleich, was passiert; ihm nie in die Augen sehen. Wenn man diese Regeln beachtet, dann ist das Beschatten — von ungewöhnlichen Umständen abgesehen — die leichteste Aufgabe, die es für einen Detektiv gibt. - Dashiell Hammett, Hinterlist im Zickzack. Frankfurt am Main und Berlin 1966 (Ullstein Buch 906)

Beschatten (2) Dr. Unspeakable ist mit heller Sportmütze und einem radfahreranzug bekleidet, er trägt solides schuhwerk und einen ordentlichen krückstock aus kirschholz, man könnte ihn tatsächlich nicht von anderen touristen und naturfreunden unterscheiden. Fräulein Moncrieff hat einen bademantel aus hellblauem frottee übergeworfen, ob sie wasche oder einen badeanzug darunter trägt, kann ich nicht feststellen; jedenfalls sehe ich beide den weg nach der mühle einschlagen, der, wie bekannt, auch der weg nach den uralten grabkammern ist. Ich blicke noch einmal den beiden schwänen nach, die nun schon so weit in der see draußen ziehen, daß sie von dem sonnengrünen gewoge hin- und hergeschwappt werden, ein spiel, das ihnen vergnügen zu bereiten scheint.

Der doktor und Fräulein Moncrieff sind nun hinter der wegbiegung verschwunden. Ich kenne ihr ziel, ich brauche keine Vermutungen anzustellen, deshalb kann ich mir auch zeit lassen. Dies ist keine heimliche Verfolgung, keine detektivische feuerprobe, ich brauche bloß einem mir gut bekannten weg nachzugehen, unbesorgt, gemächlich, ruhig wie einer, der auf die erste zeile zu einem gedicht wartet, begleitet von den gegenseitigen zurufen der hungrigen möwen. Ich weiß, wie gesagt, genau, wohin jenes sinistre paar seine unheiligen schritte lenkt, und ich werde sie an der von ihnen angestrebten stelle finden. Ich bin demnach im vorteil, einen trumpf in meinem kartenspiel zu wissen oder sogar zwei, denn Dr. Unspeakable hat allem anschein nach nicht die mindeste ahnung, wer ich bin, ich jedoch kenne auch seine neueste gestalt - die unverfängliche mimikry eines jungverheirateten radsportlers, der mit seiner allerdings sehr hübschen frau die flitterwochen verturtelt.

Ja, turteltauben und nattern, lämmer und waldwölfe, häschen und schleiereulen, termiten und ameisenbären, wüstenmäuse und klapperschlangen undsoweiter undsoweiter - mir ist, als hinterließen die schritte dieses netten, freundlichen paares eine grausige, magmaartige schleimspur, etwas, das zu berühren ansteckend ist, eine seuche nach sich zieht, die in unserer irdischen dimension dem herfallen von myriaden blattwanzen über ein orchideenhaus gleichkäme.

Eine viertelstunde später finde auch ich mich an den grabkammern ein, die sonne ist nun nahezu verschwunden, sie steht genau am horizont, aber die dichten kronen der bäume verdecken sie bereits so sehr, daß man ihren stand eher verspürt als mit augen sieht. Unter großen huflattichblättern bewegen sich schon die ersten nachttiere, die stille mondsichel tritt schärfer in erscheinung, es riecht grüner als tagsüber, der kleine bach, der irgendwo in der nähe in die bucht rieseln muß, über rundgewaschene steine, murmelt unverständliche phrasen vor sich hin - ich bin hier der einzige zeuge meiner anwesenheit; was merken halbwache sterne, der mond und eine untergehende sonne?

Eine viper aus ihren träumen zu wecken, aus visionen, die sie eifersüchtig bewacht, die sie mit keinem anderen teilen will, ist ein gefahrvolles unterfangen. Seit monaten beschatte ich nun diesen Dr. Unspeakable, seit jüngerer zeit auch Sandra Moncrieff, die mörderin jener innocenten, rossettihaft kränkelnden Clelie, nichte des herrn de F., aber ich wage dieses paar dennoch nicht zu wecken, das heißt, mich ihm offen zu stellen, ihnen meine pistole vor das herz zu führen und abzudrücken - jede fiber meines organismus, jeder nerv, jede zelle meines gehirns hält mich vor dieser ultimativen konsequenz zurück.

Der unbekannte schacht, der von hier in die eingeweide der erde führt, ist sorglos geöffnet, anscheinend fürchtet Dr. Unspeakable keinerlei Überraschungen, er weiß wohl ebensogut wie ich, daß sich um diese zeit des tages keiner der sommergäste hierher verirrt. Aus dem schacht - ich stehe an seinem rand - dringt licht und gemurmel hoch und etwas, das mich wie ein giftiger schwaden berührt. Ein völlig neues gefühl von beklemmung dämmert in mir auf, irgend etwas, das in seiner unerklärlichen sinnlosigkeit aus meiner kehle nach meiner kehle faßt, diese mit einem nassen, schwammigen griff zusammenpreßt und mir das atmen erschwert.

»Dort unten geht böses vor sich«, vernehme ich plötzlich eine stimme hinter mir, »und wären mir die hände nicht gebunden«, fährt es fort, »ich würde das meer umleiten, um diesen ort mit allem, was sich darin verbirgt, unter wasser zu setzen.« - (dru)

Beschatten (3)  » Ich brauche dich bei mir«, sagte ich. »Ich hab nicht soviel Ahnung von Überwachungen.«

»Was gibt's da zu wissen?« sagte Rambam. »Du brauchst Kaffee und Donuts und du bleibst die ganze Nacht wach und hörst Dr. Ruth.«

»Muß es Dr. Ruth sein?«

»Es muß Dr. Ruth sein. Sie kämpfte neben Menachem Begin in der Irgun. Du benutzt natürlich ein Kurbelradio. Schließlich willst du nicht den Motor laufen lassen oder die Batterie ruinieren.«

Ich hatte mich im Vordersitz von Rambams Auto verklappt. Er war für die Sitzordnung verantwortlich, ich hatte die Adresse des Verdächtigen zur Verfügung gestellt. Es war halb nach Cinderellazeit. Wir parkten auf einer Straße irgendwo im kleinen seelenlosen Busen Long Islands. Die Nacht war so schwarz wie Rambams Laune vermutlich wäre, hätte er gewußt, wie gewagt die ganze Sache vermutlich war.

»Es gibt natürlich noch mehr was du brauchst«, fuhr Rambam fort, während er einige Gegenstände aus einem Militärsack zog. »Taschenlampen mit roten Linsen, damit du die Innenbeleuchtung nicht anmachen mußt. Das Kurbelradio habe ich schon erwähnt? Leerer Milchkarton, oder vorzugsweise, leere Instantkaffeedose.«

»Wozu braucht man die?«

»Falls du mal für kleine Privatdetektive mußt, du Trottel. Bei einer Observation kannst du schlecht mal rausgehen und auf irgend jemandes Gartenzwerg urinieren. Und ich habe Schwierigkeiten, meinen Schwanz in einen leeren Milchkarton zu zwängen. Bei einem bleistiftdünnen Schwanz wie deinem ist ein Milchkarton eine gute Lösung. Ich halte mich eher an die Instantkaffeedose.«

»Halt aber schön vorsichtig«, sagte ich. - Kinky Friedman, Katze, Kind und Katastrophen. Berlin 2007 (zuerst 2005)

Beschatten (3)   Der Brigadier Beugnot, der den Auftrag erhalten hatte, den Berner Wachtmeister zu beaufsichtigen, war nicht der Schlaueste - oder, und das konnte auch als Erklärung für sein Verhalten gelten, er hielt die Schweizer im allgemeinen für dumm und den Inspektor Studer im besonderen für harmlos.

Vor dem Tor des Justizpalastes wartete dieser Brigadier Beugnot, kam mit in die Untergrundbahn und stieg aus an der Station Pigalle; er betrat mit Studer das Hotel und blieb hinter dem Wachtmeister stehen, während dieser seine Rechnung bezahlte. Der Brigadier folgte seinem Schützling auch auf den Ostbahnhof - dies kostete die französische Regierung eine Taxifahrt — und wartete dann auf dem Bahnsteig, bis der Basler Zug aus der Halle fuhr. Studer war guter Laune. Er winkte mit seinem breitrandigen Filzhut aus dem Fenster und mußte lachen, weil der Brigadier Beugnot, dem dieses Winken galt, automatisch das Winken erwiderte. Der französische Polizeibeamte schnitt dazu ein Gesicht, welches durch das Erstaunen, das es ausdrückte, dümmer schien, als es eigentlich vom Reglement vorgesehen war.  - Friedrich Glauser, Die Fieberkurve. Zürich 1989 (zuerst 1937)

Beschatten (4)  »Großes Ding in Sicht«, überlegte der Wachtmeister, »sonst würde er nicht soviel für die Vorbereitung investieren. Das Hotel wird ihn eine Stange Geld kosten...«

Es kostete Motti aber noch viel mehr. Aber wie der Wachtmeister erst später erfuhr, hatte er ein hübsches Sümmchen im Spielkasino gewonnen, wohin er ohne ernsthafte Absichten gegangen war. »Er hat gewonnen«, überlegte der Wachtmeister wieder, »jetzt läßt er sich's gutgehen. Dann ist doch kein großes Ding in Sicht. Schade, leb wohl, Venedig.« Aber der Kommissar befahl ihm am Telefon: »Bleib vor Ort. Laß nicht locker. Vergiß nicht, es gab nur einen, der so schlau war wie Motti, aber der ist an einer Pilzvergiftung gestorben.«

Wie schlau Motti war, das sollte der Wachtmeister am nächsten Morgen erleben. Er folgte ihm aus der Ferne, den Blick auf seine breiten Schultern gerichtet, die in einem eleganten großkarierten Sakko steckten. Vor einer Sekunde hatte er ihn noch gesehen. Eine Sekunde später sah er ihn nicht mehr. Das Sakko war weg samt Motti. »Er kann doch nicht gemerkt haben, daß er beschattet wird!« protestierte der Wachtmeister bei sich.

Ach was! Motti hatte nichts gemerkt. Nur daß er sich gewohnheitsmäßig so verhielt, als würde er beschattet: Spuren verwischen gehört zu den Untugenden des Metiers. Von einem Moment auf den anderen beschloß er beim Gehen, es sei womöglich angebracht, von der Bildfläche zu verschwinden: aus Gründen der Sicherheit oder um nicht aus der Übung zu kommen.  - Gianni Rodari, Das fabelhafte Telefon. Wahre Lügengeschichten. Berlin 1997 (Wagenbach Salto 65, zuerst 1962)

Beschatten (5)   Rebbis wartete auf dem Boulevard Baille. Joop und Miette kamen denn auch gegen fünf Uhr nachmittags, hielten sich etwa eine Stunde in dem kleinen Café auf und verließen es ebenso vorsichtig wie tagszuvor. Als sie das Haus in der Rue St. Bruno betreten hatten, eilte Rebbis zur Tür, postierte seinen Begleiter in den Hausflur und stieg mit Hilfe seiner elektrischen Taschenlampe eine bereits angemorschte Holztreppe empor. Er hatte kaum die erste Etage erreicht, als ihm von hinten ein dickes Wolltuch über das Gesicht gerissen wurde . . .

Als er wieder sah, saß er auf einem Holzstuhl in einem anscheinend leeren Zimmer. Aus einer Ecke hinter ihm kam ein schwacher Lichtschein. Er wandte sich nach ihm um und erhielt gleichzeitig eine fürchterliche Ohrfeige.

Bec-Salé, den er ebenfalls von Paris her kannte, stand breitspurig vor ihm und lachte, sich die zerbeulte Glatze reibend. »Hein, sale dresseur des mouches? Läufst kleinen Mädchen nach?«

Rebbis biß die Zähne auf einander. In seinem Kopf hackte es so schmerzhaft, daß ihm Tränen in die Augen kamen.

»Pleure pas pour ça!« Bec-Salé versetzte ihm eine zweite Ohrfeige. - Walter Serner, Der Vicomte. In: W. S., Der Pfiff um die Ecke. München 1982 (zuerst ca. 1923)

Beschatten (6) Wenn ich ihr nachging durch die dunklen Straßen, ein Schatten in den Schattengewölben der Nachtstadt, schien sie so unbesorgt, daß ich am liebsten umgekehrt wäre und sie gelassen hätte: ich mußte alles aufbieten, was ich gelernt hatte: wenn es sich um die Erfüllung unserer Aufgaben handelte, kannten wir keine Verwandten.

So, wie ich sie sah, die Frau, war sie freilich ein erdenklich unnahbares Wesen, - und sie war dabei in ihrer in den Schläfen bloßliegenden Arglosigkeit viel stärker als ich. Ich konnte nicht anders, ich mußte die Frau mit einem obszönen Gedanken umgeben, wenn ich ihrer habhaft werden wollte,

Mit dem Gedanken, sie eines Abends einzuholen und niederzustrecken auf den kalten Stein im schmutzigen Halblicht der Fußgängerbrücke über der S-Bahn Storkower Straße (wenn der Bahnhof unten leer war, so daß ich freie Hand hatte), sie in den östlichen Staub dieses Betonkanals zu werfen, damit sie endlich in der Wirklichkeit lag, und ihr die Beine zu spreizen ...

Denken darf man alles, sagten die Chefs in der Sicherheit, man muß es sogar... Vielleicht sagten sie sogar, es sei die Pflicht des Schriftstellers, alles zu denken ...

Man sieht am besten, wenn man aus der Dunkelheit ins Licht blickt, sagte man in der Sicherheit.  - Wolfgang Hilbig, »ICH« . Frankfurt am Main 1995
 

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