eengung  Nehmen wir einmal die Urteile von Gutsbesitzern und Gutsbesitzerinnen, Urteile von Rentnerinnen, die kleinlichen Urteile von kleinen Beamten sowie die bürokratischen Urteile von höheren Beamten, Urteile von Provinzadvokaten, die übertriebenen Urteile von Schülern, anmaßenden Urteile von Greisen wie auch von Publizisten, Urteile der Volksfürsorger sowie der Arztfrauen, schließlich Urteile von Kindern, die den elterlichen Urteilen lauschen, Urteile von Stubenmädchen, Mägden und Köchinnen, Urteile von Kusinen, Urteile von Oberschülerinnen - ein ganzes Meer von Urteilen, deren jedes dich im anderen Menschen bezeichnet und dich in seiner Seele erschafft, wie wenn du in Tausenden von zu engen Seelen geboren würdest!   - (fer)

Beengung (2)

Beengtheit

- Franz Karl Buhler

Beengung (3)  Ich saß vor dem Fenster auf meinem Bänkchen und beobachtete Marias Leib auf der Chaiselongue. Sie atmete schwer und hielt die Augen geschlossen. Ab und zu schlug ich mürrisch auf mein Blech ein. Aber sie rührte sich nicht und zwang mich dennoch, mit ihrem Baudi in einem Zimmer atmen zu müssen. Gewiß, da gab es noch die Uhr, die Fliege zwischen Scheibe und Gardine und das Radio mit der steinigen Insel Kreta im Hintergrund. Das alles ging mir nach kürzester Zeit unter, ich sah nur noch den Bauch, wußte weder, in welchem Zimmer sich dieser Bauch rundete, noch wem er gehörte, wußte kaum noch, wer jenen Bauch so dick gemacht hatte, kannte nur einen Wunsch: er muß weg, der Bauch, das ist ein Irrtum, das versperrt dir die Aussicht, du mußt aufstehen und etwas tun! So stand ich auf. Du mußt sehen, was sich da machen laßt. So ging ich hin zum Bauch und nahm etwas mit beim Hingehen. Du solltest da ein bißchen Luft machen, das ist eine üble Blähung. Da hob ich, was ich beim Hingehen mitgenommen hatte, suchte mir eine Stelle zwischen Marias auf dem Bauch mitatmenden Patschhänden. Du solltest jetzt endlich zum Entschluß kommen, Oskar, sonst öffnet Maria die Augen. Da fühlte ich mich auch schon beobachtet, blickte aber weiterhin auf Marias leicht zitternde linke Hand, bemerkte zwar, daß sie die rechte Hand wegzog, daß die rechte Hand etwas vorhatte, und war auch nicht sonderlich erstaunt, als Maria mit der rechten Hand die Schere aus Oskars Faust drehte. Vielleicht blieb ich noch einige Sekunden lang mit erhobenem, aber leerem Griff stehen, hörte die Uhr, die Fliege, die Stimme des Ansagers im Radio, der das Ende des Kretaberichtes meldete, machte dann kehrt und verließ, bevor die neue Sendung — muntere Weisen von zwei bis drei — beginnen konnte, unser Wohnzimmer, das mir angesichts eines raumfüllenden Leibes zu eng geworden war.  - Günter Grass, Die Blechtrommel. Frankfurt am Main 1965 (zuerst 1958)

 

Angst Enge

 

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