aum, toter   Im Gezweig eines winterlich schlummernden Baums fehlt es nicht an Spielraum für regsames Leben. Grüne lebendige Knospen hüllen sich eng in ihre schläfrige Zuflucht. Sogar der Obstgroßhändler konnte zwischen Träumendem und Totem unterscheiden, jedenfalls zwischen Unreifem und Vermodertem.

Wie er so hinsah, huschten zwei Gedanken rattengleich durch seine Gehirngänge. Ein noch nie erlebtes Vorgefühl bedrückte ihn. Diese niederhängenden Zweige, dieses starre pflanzliche Skelett - der Baum war tot. Und dort oben - er bewegte sich hastig hin und her, um einen langen Blick auf eine Art schwebender Gestalt dort oben zu werfen, einen Gegenstand, der sich unsicher vorwärts zu bewegen schien wie auf der Suche nach einem Ebenbild. Doch nein. Er schöpfte tief Atem. Das dumpfe Hämmern gegen seine Stirn hörte auf. Kein Grund zur Beunruhigung - eine optische Täuschung. Nichts. Der Baum war tot. Das stand außer Frage - nur mehr ein dürrer, dunkler, saftloser Nachtmahr. Aber das unförmige Etwas, hochgezogen inmitten des Astwerks, war kein hängender menschlicher Körper. Es waren lediglich irgendwelche übriggebliebene Schmarotzerpflanzen - welke Mistelzweige. Und das leise Geräusch wie von aneinanderschlagenden Knochen war nur das Spielen einer leichten Brise im Mondlicht; Zweig klapperte gegen Zweig. - Walter de la Mare, Der Baum. In: W. M., Aus der Tiefe. Frankfurt am Main 1984 (st 982, zuerst 1923)

Baum, toter (2)
 

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