Bart, orientalischer   «Jeden, der es nicht weiß, sterben zu lassen, dünkt mich zu streng, und außerdem könnte das gefährliche Folgen haben. Begnüge dich damit, daß du den Betreffenden die Bärte abbrennen läßt. Bärte sind in einem Staatswesen nicht so wichtig wie Menschenleben.»

Der Kalif unterwarf sich dem Vorschlag seiner Mutter, sandte nach seinem Großwesir Morakanabad, dem er folgenden Auftrag gab: «Laß durch die öffentlichen Ausrufer nicht nur in Samarah, sondern in allen Städten meines Reiches verkünden,  daß jeder nächste beste, der gewisse, anscheinend unentzifferbare Schriftzeichen liest und mir auslegt, Beweise meiner weltbekannten Offenhändig-keit erhält. Daß ich aber jedem, der es umsonst versucht, den Bart bis aufs letzte Härchen abbrennen lasse. Und laß außerdem hinzufügen, daß ich mit fünfzig schönen Sklavinnen und fünfzig Kisten Aprikosen von der Insel Kirmith denjenigen entlohne, der mir zuverlässige Auskunft über den Fremden bringt.»

Die Untertanen des Kalifen liebten nach dem Beispiel ihres Herrn Kirmith-Aprikosen und Frauen sehr, und das Wasser lief ihnen im Mund zusammen bei diesen Versprechungen. Aber aller Bemühung blieb fruchtlos; kein Mensch erfuhr, was aus dem Fremden geworden war. Anders ging es mit dem ersten Anliegen des Kalifen. Gelehrte, Halbgelehrte und solche, die beides nicht waren und sich deshalb für übergelehrt hielten, wagten kühn ihren Bart und verloren ihn schmachvoll. Die Urteilsvollstreckung an den Bewerbern, die den Eunuchen oblag und diese vollauf beschäftigte, verlieh den Haremshutern einen so peinlichen Geruch nach versengtem Haar, daß die Damen des Serails schließlich durchzusetzen wußten, daß man diese Betätigung ändern Händen übertrug. Endlich eines Tages meldete sich ein Greis, dessen Bart an Länge alle die bisher abgebrannten um anderthalb Ellen übertraf. Die Palastbeamten, die ihn einführten, flüsterten einander zu: «Schade, o jammerschade um so einen schönen Bart.» Selbst der Kalif dachte es bei sich, als er des Bartes ansichtig wurde, aber er bekümmerte sich nicht weiter darum. Dieser ehrwürdige Mann las die Zeichen muhelos und übersetzte sie wie folgt: «Wir sind gemacht, wo alles wohlgemacht ist, wir sind die kleinsten Wunder eines Reiches, in dem alles wunderbar ist, und des Anblicks des größten Herrschers dieser Welt wohl wert.» «Ausgezeichnet übersetzt!» rief Vathek aus, «ich weiß, worauf diese Runen anspielen. Gebt ihm soviel Feierkleider und ebensoviel Zechinen Gold, als er Worte gesprochen hat. Ich bin von einem großen Teil der Dunkelnis, die mich umgab, befreit. » Vathek lud den Alten ein, mit ihm zu speisen und einige Tage als sein Gast im Palaste zu verweilen.

Zu seinem Unglück nahm der Alte die Einladung an. Denn am nächsten Morgen ließ ihn der Kalif rufen und sprach: «Lies nochmals, was du mir gestern gelesen hast! Ich kann nicht oft genug hören, was mir diese Sprache verspricht. Denn all das zu erlangen ist ja mein sehnlichster Wunsch.» Da setzte der Alte seine grüne Brille auf, aber sie fiel ihm augenblicklich von der Nase, als er erkannte, daß an Stelle der Zeichen von gestern eine andere Schrift von anderer Bedeutung dastand. «Was hast du?» fragte der Kalif. «Worüber bist du so erstaunt?» — «Herrscher der Welt», gab der Alte zurück, «die Säbel sind heute in anderer Sprache gezeichnet als gestern.» — «Was du nicht sagst», entgegnete der Kalif. «Aber das macht nichts! Sage mir, wenn du kannst, was sie bedeuten!»— «Dieses, Herr.» Und der Greis las: «Weh dem verwegnen Sterblichen, der zu wissen trachtet, was ihm die Vorsehung verschweigt, weh dem, der wagt, was seine Macht übersteigt!»— «Weh über dich!» schrie der Kalif in ausbrechender Wut. «Geh aus meinen Augen! Gestern verstandest du gut, und man wird dir bloß die Hälfte des Bartes abtrennen, weil du gestern gut rietest. Geschenke nehme ich niemals zurück.»   - William Beckford, Vathek. Stuttgart 1983 (Bibliothek von Babel, Bd. 3. Hg. J. L. Borges)

Bart Orientale

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