aphomet  1818 veröffentlichte der österreichische Archäologe Hammer-Purgstall ein Werk mit dem Titel Fundgruben des Orients, Mysterium Baphometus revelatum, in dem er zu beweisen versuchte, daß die Templer die Lehre der ophitischen Gnostiker übernommen und ihre Riten ausgeübt hätten. Er stützte sich dabei auf vier Statuetten, die im Kaiserlichen Museum in Wien aufbewahrt wurden und in den Templerhäusem dieser Stadt oder ihrer Umgebung gefunden worden sein sollen.

Was stellen aber diese Idole dar? Das größte ist eine stehende Figur, ihre Kleidung weist Analogien zum Gewand der Pharaonen auf. Die Figur trägt einen Bart und aufgebogene Hörner wie ein Hermes. Ein breiter Gürtel umhüllt sie von den Schenkeln bis zum Zwerchfell, aber zwischen dem Gürtel und den Rändern des Mantels, der offensteht, erscheinen zwei flache Brüste auf dem nackten Oberkörper. Auf den herabhängenden Armen erkennt man eine arabische Inschrift.

Die drei anderen Statuetten zeigen nur den Oberkörper, der untere Teil der dargestellten Personen steckt entweder in einer Hülle wie ein Grenzgott oder in einer Art Stele. Sie sind nackt, aber wegen des Steinsockels kann man ihr Geschlecht nicht erkennen. Ihr Hermaphrodismus oder ihre Zwitterbildung scheinen Jedoch durch die männliche Behaarung am Kinn und die ganz weibliche, wenn auch anmutslose Form ihrer Brüste erwiesen.

Die eine Figur hat ein dreieckiges Gesicht (mit der Spitze nach unten) und auf dem Kopf zwei kurze Hörner, die auf einer auf dem Bauch eingravierten Maske wieder abgebildet sind. Alle tragen wie die stehende Figur Inschriften, entweder auf der Hülle oder auf dem Sockel, aus dem ihre Büste herausragt.

Die Kunst ist derb, fast grob, wie auch die Schrift, die Probst Biraben und Maitrot de la Motte-Capron entzifferten: »Unser Herr strahlend von unserem Feuer, Sohn des .. .« — »... Von unserer Kirche, unermeßlich an Liebe« — »Unser Herr der Heilige (aus Feuer) Geist (die Seele)« — »Er oder sie ist unermeßlich« — »Gott weiß, Gott ist weiser« - »Er ist unser mächtiger König« - »Der Herr Kuider (der, welcher Unruhe stiftet).«

In all dem ist nicht viel Aufschlußreiches zu finden, es sei denn die Anspielung auf das ausstrahlende Feuer und die Zweigeschlechtlichkeit der Personen, die gnostisch ist. Man hat es aller Wahrscheinlichkeit nach mit Darstellungen von Äonen zu tun, das heißt von göttlichen Emanationen, Mittlern zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf nach der Geisterlehre der Gnosis. Sie sind wohl ophitischen Ursprungs, was Hammer-Purgstall recht gibt, wenn auch Probst-Biraben und Maitrot de la Motte-Capron zumindest in zwei Statuen Produkte der persischen Schule sehen.

In diesen Figuren, die vielleicht aus verschiedenen Epochen stammen, suchte man jedoch vergebens nach einer Ähnlichkeit mit den von den Templern beschriebenen Baphometbildern. Vor allem sprach kein Zeuge von bärtigen Ungeheuern mit lächerlichen Brüsten, was doch eine auffallende Anomalie ist. Das Zwittertum der Äonen war eine der gnostischen Glaubensvorstellungen. Männlich und weiblich zugleich stellen die Äonen das vollkommene Sein dar, das sich selbst genügt, wie es ursprünglich, vor der irdischen Inkarnation war. Es ist dies ein sehr alter Mythos, den man auch im Gastmahl von Platon findet: »Die Liebe führt uns auf unsere ursprüngliche Natur zurück; sie macht aus zwei Wesen eines und stellt die menschliche Natur in ihrer alten Vollkommenheit wieder her.«

Das Problem, das Mignard mit seiner Erforschung der sogenannten »Truhen des Herzogs von Blacas« zur Sprache brachte, trug ebensowenig zur Lösung des Rätsels um die Baphometbilder bei wie die Statuetten des Wiener Museums. Diese kleinen Truhen oder vielmehr Kästchen wurden lange nach dem Prozeß gegen den Tempelritterorden in Burgund und in der Toskana, also weit voneinander entfernt, gefunden; man wollte in den Ziselierungen der einen Truhe die Wiedergabe von Templerzeremonien sehen: Sodomieszene, Anbetung des Baphomet, Gelage, Apotheose des Ritters, Kultfeier um das goldene Kalb. Einen schönen Roman erfand man da! Probst-Biraben und Maitrot de la Motte-Capron untersuchten diese Bilder genau und machten sich einen Spaß daraus, anhand vieler Einzelheiten zu beweisen, daß sie »ein äußerst seltenes Bild des Theriaks darstellen mit erstaunlich genauen Angaben und überraschender Kunst und Kenntnis der Dosierungsart und sogar der Dauer verschiedener Manipulationen.« Was als Sodomieszene bezeichnet wurde, schreiben die beiden Gelehrten, »ist ganz einfach die ziemlich humoristische Darstellung der Verfahren des Nikander von Kolophon

Die zweite Truhe zeigt einen Zwitter, der mit seinen männlichen Zügen und seinem Bart, seiner Brust und seinen weiblichen Geschlechtsteilen den Statuetten von Wien nicht unähnlich ist. Aus diesem Grund wird sie wohl einer anderen Epoche als die erste angehören und auf gnostische Einflüsse zurückgehen. Man könnte indessen aus den alchimistischen Figuren (siebenzackige Sterne, Gestirne usw.), die ornamenthaft gebraucht werden, gemeinsam mit dem Umriß des Zwitters, auf spanischen oder italienischen Ursprung schließen und vermuten, daß hier eine der Formeln verborgen ist, die die Hermetik für ihr großes Werk benützte.

Es sind noch die Erklärungen für den Ausdruck Baphomet zu erwähnen. Man schrieb ihn auf verschiedene Weise: Baphomet, Bafumet, Bahomet, Bahumet und leitete ihn nach dem Gesetz des geringsten Widerstandes, das etwas für sich hat, von dem Namen Mohammed her. Mit etwas mehr Phantasie fragte man sich, ob er nicht phonetisch von Mauffe, Maufe stammt, einer im Mittelalter gebräuchlichen Bezeichnung für den Teufel. Damit kommt man aber auf die erste Etymologie zurück, denn die Kreuzfahrer legten allgemein dem Fürsten der Finsternis den mehr oder weniger verstümmelten und verfälschten Namen des Propheten der Ungläubigen bei. Möglich ist, daß Templeranwärter das in den Aufnahmekapiteln zur Verehrung vorgelegte oder vorgeschlagene Götzenbild so bezeichneten. Noch klügere Forscher leiteten Baphomet von Baphé, griechich Taufe, und von Meteos, Initiation, ab. Eine anfechtbare Etymologie. Hammer-Purgstall sah in der Verwendung des Ausdrucks den Beweis für den Einfluß orientalischer Lehren auf die Templer und für ihre Zugehörigkeit zur Gnosis. Tatsächlich wurde die Taufe der Gnostiker nicht mit reinigendem Wasser vollzogen, sondern geschah wie bei den Aposteln durch Feuerzungen, die sich auf den Katechumenen senkten.

Mit all diesem befinden wir uns im Bereich der Spekulationen, und wir dürfen annehmen, daß die Baphometbilder des Ordens wie eine Art Janus (Erfinder des Geldes nach Athénée und Macrobe) gestaltet waren, ein Gesicht der Zukunft, das andere der Vergangenheit zugewandt oder aber mit einem Gesicht nach dem Morgenland, mit dem anderen nach dem Abendland blickend. Das eine Gesicht war bartlos wie unsere Ritter, das andere bärtig wie die Sarazenen.

Wenn dieses Idol also eine Darstellung der christlichen und mohammedanischen Kultur war, so ist es auch möglich, daß auf den beiden Seiten der Schutzpatron der Templer, Johannes der Täufer, und der Propheten des Islam, Mohammed, einander gegenübergestellt wurden.

Schreibt man ihre Namen nebeneinander

BAPTISTE - MAHOMET

und streicht — nach dem dritten (heiligen) Buchstaben — die heilige Zahl von sieben Buchstaben aus diesem zusammengesetzten Wort, so entsteht durch Zusammenziehen der rätselhafte Name BAPHOMET.

Ist diese Anregung des Nachdenkens wert? Bringt sie uns der Wahrheit näher? Vielleicht. - John Charpentier, Die Templer. Berlin u.a. 1981 (Ullstein-Klett-Cotta - Tb. 780, zuerst 1965)

Baphomet (2)

Baphomet (3)

Zwitter Götze Götter Idol
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