Bärengrube   Die leuchtende Spur führte zur Bärengrube. Er kam gleichzeitig mit dem Rollstuhlmann an diesem jetzt stillen Ort an. Ein Strohmann, der neben der Grube wachte, neigte den Kopf zum Zeichen der Zustimmung; ein weißes Tuch fiel auf den Boden der Grube und breitete sich dort aus. Gleich darauf wurden nacheinander ein Herz, ein Kiefer, ein vollständig aufgerollter Darm, ein Pferdeschlauch, ein Paket Kakao, ein Damenhemd und ein ausgestopfter Vogel auf das weiße Tuch geworfen, so daß sie die sieben Winkel eines regelmäßigen Vielecks kennzeichneten. Ein Paket menschlicher Exkremente fiel nicht weit davon herein und setzte so die sieben, bis dahin bewegungslosen Gegenstande in Bewegung und man konnte dem wilden Tanz des Herzens, des Kiefers, des Darmes, des Pferdeschlauchs, des Pakets Kakao, des Damenhemdes und des ausgestopften Vogels zusehen. Die Bewegung wurde immer schneller, so, als ob die sieben Gegenstände hintereinander herjagend gehofft hätten, einander einzuholen. Das Licht eines gewaltigen Scheinwerfers fegte eine Sekunde über die Szene, ohne ihren Wirbel zu unterbrechen. Von dem Lärm aufgeweckte Vögel, wahrscheinlich Geier, begannen über der Grube zu kreisen, aber sie zögerten, sich niederzulassen. Das Herannahen eines Autos verriet sich durch immer stärker werdendes Schnaufen. Es hielt einen Augenblick lang vor der Grube, eine verschleierte und behandschuhte Frau ergriff ein neben ihr liegendes Bündel Fahnen und warf es auf das Tuch. Sofort hörte der tolle Reigen auf. Während dieser ganzen Szene (die einige Jahre gedauert haben konnte) fuhr sich der Mann im Rollstuhl mit der Hand über die Stirn, die er feucht fand.

„Mein Gott", sagte er zu sich, „wir haben doch heute den 25. Juni 1922."   - Benjamin Péret,  Boulevard Saint-Germain  125, in: B. P., Die Schande der Dichter. Prosa, Lyrik, Briefe. Hamburg 1985 (Edition Nautilus)

 

Bär Grube

 

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