ufstand der Irren

  Grosz: Aufstand der Irren (1915)
  - Nach: George Grosz, Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt. Reinbek bei Hamburg 1986, zuerst 1955

Aufstand (2) Rocker und Halbstarke stürmen die Straßen sämtlicher Länder. Sie stürzen in den Louvre und schütten der Mona Lisa Säure ins Gesicht. Sie lassen die Insassen von Zoos, Irrenanstalten und Gefängnissen frei, bohren Wasserrohre mit Preßlufthämmern an, hauen in den Toiletten von Verkehrsflugzeugen den Boden durch, schießen die Scheinwerfer von Leuchttürmen aus, feilen Fahrstuhlkabel bis auf einen dünnen Draht durch, leiten Abwässer in die Trinkwasser-Reservoirs, werfen Haie und Zitterrochen, elektrische Aale und Candirus in die Swimmingpools.  Als Lotsen verkleidet rammen sie die Queen Mary mit Volldampf in den New Yorker Hafen; mit Flugzeugen und Omnibussen rasen sie aufeinander zu, um zu sehen, wer als erster Angst kriegt; in weißen Kitteln, mit Sägen und Äxten und drei Fuß langen Skalpellen bewaffnet, stellen sie Krankenhäuser auf den Kopf; sie zerren Paralytiker aus ihren Eisernen Lungen und äffen die Erstickenden nach, indem sie sich auf dem Boden wälzen und die Augen verdn' sn; sie verabreichen Injektionen mit Fahrradpumpen, hängen künstliche Nieren ab, sägen mit einer chirurgischen Zweimann-Säge eine Frau mittendurch; sie treiben grunzende Schweineherden über die Bürgersteige, scheißen in den Vereinten Nationen auf den Boden und wischen sich den Arsch mit Verträgen, Pakten und Allianzen ab.  - (lun)

Aufstand (3) Als die Flut, wie es häufig geschah, den Strand mit toten Fischen bedeckt hatte, fraßen sich die Pferde satt, und man sah sie langsam, düster dreinschauend zu den Auen vor der Stadt zurücktrotten. Es war Mitternacht, als der merkwürdige Aufstand ausbrach. Plötzlich erbebte die Stadt unter einem dumpfen, anhaltenden Donnern. Alle Pferde hatten sich auf einmal in Bewegung gesetzt, um die Stadt zu stürmen. Allerdings erkannte man dies erst später, da man im Dunkel der Nacht, vom unerwarteten Geschehen überrascht, anfangs die tatsächlichen Vorgänge nicht wahrnehmen konnte. Da die Weiden innerhalb der Stadtmauern lagen, wurde der Angriff durch nichts aufgehalten. Außerdem besaßen die Pferde eine genaue Kenntnis der Häuser. Beide Umstände trugen zur Katastrophe bei.

Welch unheilvolle Nacht! Erst der Tag offenbarte all ihre Schrecken, verstärkte noch das Grauen. Von Huftritten zerschlagene Türen lagen auf dem Boden und hatten wilden, endlos scheinenden Rudeln den Weg freigemacht. Es war Blut geflossen, denn nicht wenige Bewohner waren unter den Hufen zertrampelt und von den Zähnen der angreifenden Meute zerfetzt worden, in deren Reihen es jedoch auch durch die Waffen der Menschen viele Opfer gegeben hatte.

Der Staub, der von den dampfenden Herden aufgewirbelt wurde, hatte die Stadt in Dunkel gehüllt. Das sichtbare Grauen der Katastrophe wurde noch verstärkt durch ein seltsames Getöse, hervorgerufen von Wut- oder Schmerzensschreien, Pferdegewieher, das wie menschliche Stimmen klang und unter das sich hier und da schmerzvolles Eselsgeschrei mischte, und durch das Krachen der von den Hufen zertrümmerten Türen. Eine Art unaufhörliches Beben ließ die Erde unter dem Galopp der rebellierenden Tiere erzittern und steigerte sich von Zeit zu Zeit zu einem Orkan, wenn die tobende Meute sinn- und ziellos in die eine oder andere Richtung raste. Nachdem sie alle Hanffelder zerstört und, da jene verwöhnten Pferde auf Wein versessen waren, auch Weinkeller geplündert hatten, vollendeten Horden betrunkener Tiere das Werk der Zerstörung. Zum Meer konnte man nicht fliehen, weil die Pferde wußten, wozu die Schiffe dienten, und den Zugang zum Hafen versperrten. Nur die Festung blieb verschont, und dort begann man, den Widerstand zu organisieren. Als erste Maßnahme wurde jedes Pferd, das dort vorüberrannte, mit Speeren beworfen. War es tot und lag in der Nähe, so wurde es ins Innere gezerrt, und sein Fleisch diente als Verpflegung. Unter den geflüchteten Bewohnern liefen die seltsamsten Gerüchte um. Es hieß, beim ersten Angriff hätten die Tiere nur plündern wollen. Nach der Zerstörung der Türen seien sie in die Zimmer eingedrungen, hatten es jedoch nur auf die kostbaren Wandbehänge, mit denen sie sich zu bedecken suchten, auf den Schmuck und glänzende Gegenstände abgesehen. Als man sich ihren Absichten widersetzte, habe dies schließlich ihre Wut entfacht. Andere berichteten von grauenvollen Vergewaltigungen, von Frauen, die in ihrem eigenen Bett bestialisch angegriffen und erdrückt worden waren. Eine edle Dame erzählte schluchzend, was ihr Schreckliches widerfahren war: wie sie im schwa-f chen Licht der Lampe erwachte, auf ihren Lippen das widerwärtige Maul eines schwarzen Fohlens spürte, das wollüstig die Lefzen vorstülpte und sein ekelerregendes Gebiß zeigte; wie sie einen Schrek-kensschrei ausstieß, als sie das zur Bestie gewordene Tier erblickte, mit dem bösartigen, menschlichen Glanz in den von Lüsternheit brennenden Augen; wie sie in einem Meer von Blut versank, als ein Diener es mit seinem Schwert durchbohrte... Man wußte von mehreren Morden zu berichten, bei denen sich die Stuten mit weiblicher Besessenheit daran ergötzten, ihre Opfer mit den Zahnen in Stücke zu reißen. Die Esel waren alle umgebracht worden, während sich die Maultiere dem Aufstand angeschlossen hatten. Doch stumpfsinnig, wie sie waren, zerstörten sie nur um der Zerstörung willen, und besonders erbittert gingen sie gegen die Hunde vor.  - Leopoldo Lugones, Die Pferde von Abdera. In: L. L., Die Salzsäule. Stuttgart 1984 (Die Bibliothek von Babel 15, Hg. Jorge Luis Borges)

 

Anarchie Revolution Machtmittel

 

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