Aufnahmeprüfung  Unter denen, die saßen, befand sich auch der mit dem hochmütigen Gesicht, der von den Priestertanten gesprochen hatte und nun den Kopf zur Seite drehte, als posierte er für den Fotografen; die beiden anderen waren ebenso hochnäsig wie er, voller Verachtung, und beherrschten mit zerstreuten Bücken von oben herab die Szene. Etwas abseits standen zwei Burschen mit dem Rücken gegen die Mauer. Einer der beiden, ein Blondkopf mit Lollobrigida-Frisur, war vielleicht sogar eine Frau. Unsicher starrte Tommaso ihn an. Da fing der Blonde seinerseits an, Tommaso zu fixieren, ohne seine Unterhaltung mit dem anderen abzubrechen, und die geraden Blicke, mit denen er ihn bedachte, waren wie zufällig und gingen durch Tommaso hindurch, als betrachtete der Junge etwas ganz anderes, was hinter Tommaso lag.

Dabei nahm er nur passiv an dem Gespräch teil. Das Reden besorgte sein Kollege, ein aufgetakelter Geck. Er, der Blonde, schwieg und begnügte sich damit, zustimmend zu nicken, wobei er nicht nur leicht den Kopf neigte, sondern auch die Schultern, den ganzen Körper; er knickte ein, als wäre er mit dem Absatz in ein Loch geraten, genauso wie die feinen Hofdamen im Kino, wenn sie vor dem König ihren Knicks machen.

Dann schüttelte er sich, um wieder die alte Haltung anzunehmen, und das tat er mit etwas mißtrauischer, hochmütiger Miene; aber um den Mund und in den Augen zuckte es von verhaltenem Lachen. Immer häufiger warf er Tommaso Blicke zu, und Tommaso blähte sich auf, rückte ohne Hast ein wenig von der Stelle und kam noch etwas näher, wobei er sich eine Zigarette ansteckte. Jetzt sah ihn der andere genauer und nicht so zerstreut an. Er hatte die Augenbrauen abrasiert und mit einem Stift nachgezogen, die Wimpern hingen ihm fingerlang vom Lid wie einer Schauspielerin, und auf den samtigen und dabei glatten Pfirsichwangen war etwas Creme und Rouge aufgetragen. Er war wirklich schön wie ein Märchenprinz. Die Haare à la Lollobrigida hingen über den hochgestellten Kragen des Kamelhaarmäntelchens. Auch der andere, der wie ein aufgedrehtes Radio auf die zwei jungen Männer einredete, die schweigend zuhörten, fing jetzt an, Tommasos ganzen Körper mit Blicken zu bekleben wie einen Brief nach Übersee mit Marken. Höchst indigniert berichtete er von irgendeinem schrecklichen Vorfall, aber wenn er Tommaso ansah, verschwand die verächtliche Empörung wie ein Blitz; es war, als hätte er vier Augen, zwei, um von der üblen Geschichte zu erzählen, in der das Recht natürlich ganz auf seiner Seite gewesen war, und zwei, um hierhin und dorthin Botschaften zu senden.

Plötzlich unterbrach er sich und rief Tommaso zu: »Wer ist denn deer Knabe ? Hat man ja nie zu Gesicht bekommen in dieser Gegend! Verdammt attraktiv, der Bursche!« Tommaso grinste, führte die Zigarette zum Mund und blies der jungen Tante den Rauch ins Gesicht. »Wollen wir uns nicht bekannt machen, wo wir hier schon so schöön beisammen sind? Höflich, höflich, wie ich immer sage!« erklärte der Jüngling, zog den Kopf ein und zierte sich ein wenig; dann streckte er eine Hand aus, hielt sie Tommaso hin und sagte: »Ich bin die Popolana! Freut mich sehr!«

So wurde Tommaso in die Gruppe einbezogen; der andere Schönling, der nichts gesagt hatte, schwieg immer noch, warf Tommaso jedoch einen flammenden Blick zu. »Wo hat's dich denn hergeweht?« fragte die Popolana süß. »Pietralata«, sagte Tommaso ernst.

»Mmmmmh!« Die Popolana sah ihn mit neuem Interesse an; ein ängstlicher Schauer rann ihr lustvoll den Rücken hinab und versetzte sie in leichte Zuckungen. »Wieso, was dagegen?« fragte Tommaso. »Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, mein Süßer!« sagte die Popolana mit strahlender Stimme.

»Na«, meinte einer von denen, die abseits auf dem Mäuerchen hockten, »dich juckt's wohl, mal von 'nem richtigen Mann bedient zu werden, was?«

Sie redeten alle wie Mädchen, halb in neapolitanischem Dialekt, mit Soubrettenstimmchen, als hätten sie eine Bohnenhülse im Schlund.

»Ich fühl mich wie 'ne Kaiserin!« erklärte die Popolana, eine Hand in die Hüfte gestützt, zu den Kollegen gewandt. Dann drehte sie sich wieder anmutig Tommaso zu: »Sag mal, bist du brutal, was? «Ihre fragende Stimme klang geradezu zärtlich und lockend. »Ich geb dir die Rute!« meinte Tommaso grinsend. Die Popolana durchzuckte es: »Mmmmmh«, seufzte sie wieder. Dann ging sie entschlossen, ohne weitere Umschweife, auf ihr Ziel los: »Laß mal fühlen!« sagte sie. Mit der linken Hand hielt sie sich das Mäntelchen weiter über dem Bauch zusammen, daß es, mit den breit auswattierten Schultern, ein Dekolleté bildete, und mit der Rechten stieß sie pfeilgerade vor und betastete Tommaso, ohne ihn anzublicken, an der richtigen Stelle.  

Dann nahm sie, ohne sich weiter um Tommaso zu kümmern, ihre Unterhaltung mit den zwei anderen jungen Männern auf, dem Dicken und dem Dürren. Der Blonde schwieg noch immer. Er schwebte in stiller Ekstase wie ein Geist über der Welt: Auch er hielt die Hände über dem Leib, um die Falten des Mantels zu ordnen, daß sie wie bei einem Abendkleid fielen, und lehnte hingegossen am Mäuerchen.

Es schien, als wollte er seinen glückseligen Zustand möglichst lange erhalten, als könnte der verfliegen, wenn er den Mund auftäte. Er nahm nur mit Gesten und Blicken Anteil an der Welt, mit seiner Haltung, das genügte; auf diese Weise war die Art seiner Teilnahme sogar noch deutlicher; es war, als wollte er sagen: ›Glücklich unter Männern!‹ - Pier Paolo Pasoloni, Vita Violenta. München u. Zürich 1983 (zuerst 1959)

 

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