rchitekt  MANGANELLI Ihre Bauwerke vermitteln einen ungewöhnlichen Eindruck von, verzeihen Sie mir, ausschweifendem, anstößigem Leben . . .

GAUDÍ Sie meinen, daß, sagen wir, meine Balkone sündig waren? Das freut mich sehr, wissen Sie? Daß jene Fialen . . . sagen wir... dirnenhaft waren? Wissen Sie, daß ich eine Hurenkirche gebaut habe?

MANGANELLI  Ich kenne sie, glaube ich.

GAUDÍ Wenn Sie wüßten, wie fromm sie ist; einen geheiligten Ort galt es mit Sünde anzufüllen, um absolut sicher zu sein, daß er unwiderruflich heilig würde... Es bedurfte des Schmutzes, der Zweideutigkeit, des Zwinkerns eines scheelen und lasterhaften Auges, eines versteinerten Geruchs nach Wein, man mußte Schlupflöcher in der Kirche schaffen, eine Stundenkirche daraus machen, einen anrüchigen Ort, denn eine Kirche, Sie werden es bemerkt haben, nicht wahr, eine Kirche ist ein ungemein anrüchiger Ort, all die Sünder, diese tätigen Sünder, versteht sich, und diese ganze Todeslust, das Blut - und welches Blut -, das von den Wänden trieft. .. Nicht einmal ein Säuferbordell ist so gänzlich ruchlos und mithin heilig. Nun werden Sie sagen, daß ich keusch war, fromm, nicht wahr?

MANGANELLI Nein, derart Vulgäres habe ich nie behauptet.

GAUDÍ Das freut mich. Ich habe Unzucht mit Steinen getrieben, das ist offenkundig; weniger offenkundig ist vielleicht, daß die Steine meine Dirnen, meine Garçonnièren waren... Welcher Unterschied besteht zwischen einem Strumpfband und einem Architrav? Schließlich sind beide von Fleisch.  - Giorgio Manganelli, Von der Unzucht mit Steinen. Antoni Gaudí y Cornet. In: Unmögliche Interviews. Berlin 1996

 

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