narchismus   Herrschaftslosigkeit, Führerlosigkeit, Verführungslosigkeit, Gewaltschwindellosigkeit, Gesetzlosigkeit, Unrechtslosigkeit, Räuberlosigkeit, Staatslosigkeit, Kriegslosigkeit, Grenzlosigkeit, Genossenschaftlichkeit, richtiges Denken, Erdfrieden, richtige Rechnung, Paradies, Himmelreich auf Erden, ewige selige Menschheit.

Alle Zweihänder, die sich bisher Anarchisten nannten oder so genannt wurden, vom auserlesensten Edelanarchisten bis zum unadeligsten Bombenschmeißer, waren einschließlich Krapotkins Gewaltdenker, Unmenschen, Blutvergießer, Massenmörder, Hetzer, Hasser, Rächer, Quasselköpfe, Maulhelden, Lebenszerstörer oder Grundfalschdenker. Sie bekämpften den Staat mit seinen eigenen Gewaltmitteln, die doch immer wieder nur gegen die Menschheit gerichtet sind: Hunger, Lustsperre, Lebensfurcht, Mord. Erringen sie den Sieg, so gründen sie sofort auf den Trümmern des alten einen neuen, noch garstigeren Schinderschwindel. Sie sind ganz genau solche Staatskutscher, Staatslümmel und Staatsnarren, genau solche Gewaltfatzken, Faulquatscher und Falschleber wie ihre übermenschlichen Gegner. Es ist ein tiefst untermenschlicher Irrtum, daß durch die Hinwegräumung eines besonders blutgierigen Übermenschen der Menschheit geholfen werden könnte. Wer sich ohne Gesetz nicht denken kann, ist ein Volksschinder (s. Verbrecher, Staatsmann). Nur der Räuber braucht den Staat. Nur ein einziger Mensch hat bisher den Gedanken der freien, staatsräuberlosen Menschheit ausgesprochen, der Jude Jesus von Nazareth. Er ist der einzige Anarchist, der vollkommen richtig gedacht hat. Und die von ihm gefundene Wahrheit lautet: Richtet nicht, auf daß auch ihr nicht gerichtet werdet. Oder: Die Freiheit aller ist das Ende jeder Gewalt. - (se)

Anarchismus (2)  Ihre Transportmittel waren requirierte Taxis und gestohlene Autos, Bushaltestellen oder die Eingänge von Fußballstadien ihre bevorzugten Treffpunkte. Zur Ausrüstung gehörten sowohl die typischen Regenmäntel, die sich unter bewaffneten Aktivisten zwischen Dublin und dem Mittelmeer überall größter Beliebtheit erfreuen, als auch Einkaufstaschen und Aktenmappen, in denen man Bomben und Schußwaffen verbirgt. Was ihr Motiv betrifft, war es »die Idee« der Anarchie: der wahrhafte Traum von der völligen Kompromißlosigkeit, dem wir alle nachhängen, den aber außer Spaniern nur selten einer um den Preis der Entmachtung und Zerschlagung der Arbeiterbewegung zu leben versuchte. In ihrer Welt würden die Menschen von nichts anderem beherrscht als von der Moral, die unter dem Diktat des Gewissens steht. Eine Welt ohne Armut, ohne Staat, ohne Gefängnisse, ohne Polizei, ohne Zwang und Disziplin, sofern es nicht die Disziplin der inneren Erleuchtung ist; eine Welt, in der es keine anderen Bindungen gibt als jene der Liebe und Brüderlichkeit, eine Welt ohne Lügen, ohne Eigentum und ohne Bürokratie. Da sind die Menschen so rein wie Sabaté, der niemals rauchte und der nur zum Essen trank, das auch dann so frugal wie das Mahl eines Hirten blieb, wenn er gerade erst eine Bank ausgeraubt hatte.  - (hob)

Anarchismus (3) Die armen Leute vom Aquädukt Felix glaubten, der Tabakhändler, der Metzger und die Händler, die Kühlschränke und Fernsehapparate und andere Dinge verkaufen, seien die wirklich Reichen, weil sie am Abend Geld in der Kasse haben.

- Die wirklich Reichen, die wirklichen Bonzen, haben ihr Geld nicht in der Schublade, sie berühren es nicht einmal mit den Händen, sagte Mozziconi. Man gab ihm zur Antwort, solche Reichen habe man noch nie gesehen und Mozziconi sei ein rebellischer und anarchistischer Aufschneider.

- Ich bin was ich bin, sagte Mozziconi. Tatsache ist, daß die Anarchisten niemandem passen. Vor allem passen sie den Herren nicht, weil sie dann nicht mehr befehlen können. Sie passen aber auch den Armen nicht, weil die, wenn die Herren verschwinden, niemanden mehr haben, auf den sie schimpfen können.

- Einfaltspinsel, sagte Mozziconi, laßt uns eine Revolution machen und dann sind wir die Herren!

- Und wem befehlen wir dann?

- Niemandem.

- Aber was für Herren sind wir dann?

- Wir sind Herr über unser Leben.

- Können wir dann umlegen, wen wir wollen?

- Wen wollt ihr denn umlegen?

- Die Herren.

- Aber die Herren sind wir dann ja selbst.

Ein armer Kerl, der sich für schlauer als die andern hielt, sagte, das sei alles ein großer Betrug von Mozziconi, und Anarchisten wie er wollten die armen Leute nur zu Herren machen, um sie dann umzulegen oder sich gegenseitig umlegen zu lassen. Am Ende fehlte nicht viel, und sie hätten Mozziconi umgelegt, doch es gelang ihm, wie durch ein Wunder sich zu retten, indem er sich in einem Kaninchenstall versteckte.  - Luigi Malerba, Geschichten vom Tiber. Frankfurt am Main 1997

 

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