Amöbe  Ich stelle mir den Menschen als eine Amöbe vor, die Pseudopoden ausklappt, um ihre Nahrung zu erlangen und zu fassen. Es gibt lange und kurze Pseudopoden, Bewegungen, Streifzüge. Eines Tages dann rastet das ein (und man nennt es Reife, der-erwachsene-Mensch). Einerseits bringt er es weit, andererseits übersieht er eine Lampe auf zwei Schritte Entfernung. Und dann ist nichts mehr zu machen, wie die Häftlinge sagen, der eine ist für dies, der andere für das. Auf diese Weise lebt der Mensch in der schönen Überzeugung, daß ihm nichts Interessantes entgeht, bis ein unerwartetes Abbröckeln auf irgendeiner Seite ihm für die Dauer eines Augenblicks etwas zeigt, leider ohne ihm Zeit zu lassen, zu erfahren, was es ist,

  es zeigt ihm sein zerstückeltes Sein, seine unregelmäßigen Pseudopoden,
  es weckt die Vermutung, daß weiter weg, dort, wo ich jetzt die klare Luft sehe,
  oder in dieser Unentschlossenheit, am Kreuzweg der Wahl, ich, in der ganzen übrigen Wirklichkeit, die ich nicht kenne, vergebens auf mich   warte.    - (ray)

Amöbe (2)  Eine plötzliche Zärtlichkeit verführte mich dazu, es zu sagen: unbebrilltes Großmütterchen. Es fällt mir schwer, diese höchst zurückhaltende unter meinen Vorfahren nicht zu lieben, diese Manganelli der großen Jura-Ozeane, die nichts ahnte von Knäueln und Brillen, von katholischen Zeremonien, die weder treu noch ehebrecherisch war, geduldig gegenüber dem eigenen, doch recht glanzlosen und undankbaren Los, denn es mußte ihr, die doch vor den Offenbarungen der großen Religionen zur Welt kam, der Sinn der großen Mühe recht nebelhaft bleiben; aber sie war immer arbeitsam, nüchtern, mit Wenigem zufrieden, geboren, geschwängert, gestorben, behindert in ihren ersten inneren Monologen durch breitlippige Verben, durch Pronomen von vernebelter Ausdehnung, durch gräßlich schlechtfunktionierenden Kalenderdienst. Sie hatte lediglich eine höchst ratlose Vorstellung von den Enkeln und plante keinerlei indirekte Erlösung durch sie; sie brüstete sich nicht bei der gallertenen Anliegergroßmutter mit diesen gebildeten und zweigeschlechtlichen Blutsverwandten; vielmehr widmete sie sich ihren unvollkommenen Pflichten und, nachdem sie in Ehren verschieden, zersetzte sie sich mit vornehmer Unverzüglichkeit in jenen nimmerruhigen, vom soeben eingehauchten Himmelsflatus kollernden Meeren, die für alle unbequem waren außer für jene kurzsichtigen, hartnäckigen Großmütterchen ... Dies gilt es jetzt festzuhalten: Das Amöbengroßmütterchen kaute jenes erste Kleinkindpünktchen, das winzige Perlchen, den ersten Splitter des harten, unverdaubaren Nichts. Und unser heutiges Lamento, Geschwafel und Gefluche geschehe auch zu Ehren der Erzmutter, die sich, fttt! ins Nichts löste.   - (nieder)

Amöbe (3)

Armeuben

Di Armeuben, di Armeuben
habbn gurrkeun Lippisleuben.
Kuine Eijur, - nüxx gebpöhren, -
dorch Zarteulongck such varmööhren:
Uinz, dnn zwui, dnn pvür, dnn aucht, -
zowosz kuin Vargkneugen maucht!
Üßßt gepvürtult ont gehalbzt
monn nuch salbur pei such salbzt,
üßßt monn mannlüch odur veibpzlüch?
Zweifful snd darr onnaußpleibzlüch; -
jööde hartt uff ühre Weuse
ne Üdantiteitzkrieuse.

 - (ko2)

Amöbe (4) Dictyostelium discoideum ist eine Amöbe wie du und ich. Normalerweise ist "Dicty", wie ihn die Mikrobiologen gern nennen, als gemütlicher Einzeller unterwegs. Etwa 10 bis 20 Mikrometer groß, besitzt er keine feste Gestalt. Er bewegt sich auf Zellausstülpungen fort, die wie Füße aussehen, indem er diese nach vorn ausstreckt und dann den Körper nachzieht. Wenn Dicty Hunger hat, stülpt er sein Zellmaterial über eine Bakterie, schließt sie ein und verdaut sie. In seinem Leben (wenn man einen Zyklus bis hin zur ersten Zellteilung so nennen kann) verspeist er auf diese Weise rund 1000 Bakterien.

Dieses ruhige Leben genießt Dicty, bis ihm irgendein Mensch mit Sagrotan die Lebensgrundlage entzieht, die Bakterien. Stellt ein Dictyostelium discoideum fest, dass im Vergleich zur Amöbendichte zu wenig Nahrung vorhanden ist (dafür hat die Amöbe einen Sinn), wird die Art plötzlich zum sozialen Wesen.

Zahlreiche Einzeller schließen sich zu einem multizellulären Organismus zusammen, bei dem unterschiedliche Zellen verschiedene Aufgaben wahrnehmen. Zunächst entsteht dabei eine nacktschneckenähnliche Formation, die durch die Gegend kriecht und einen Platz für den letzten Schritt sucht: die Ausbildung eines Fruchtkörpers mit Basis, Stiel und einem Kopf voller Sporen. Diese sind gegen Trockenheit und Wärme unempfindlich. Sobald sich die Bedingungen wieder bessern, können sie zu Dicty-Einzellern auskeimen.

An dieser Stelle ist Platz für Betrug. Denn klar ist: die Einzeller, die den Platz an der Basis oder im Stiel einnehmen, werden sterben. Nur die, die sich zu Sporen umbilden, können überleben. Im Wissenschaftsmagazin Current Biology zeigen nun Forscher der Washington University in St. Louis, was dabei die erfolgreichsten Strategien sind. Das war möglich, weil Dictys natürlich nicht bewusst betrügen (sie haben ja gar kein Nervensystem), sondern ihr Verhalten von ihren Genen bestimmt wird. Einige sind dadurch kooperativ, andere sind egoistisch.

Tatsächlich fanden die Forscher heraus, dass sich keine der Strategien langfristig durchsetzen konnte. Nahm die Zahl der Betrüger überhand, musste die Ausbildung des Fruchtkörpers scheitern. Doch ausmerzen konnten die Kooperativen die Betrüger auch nicht. Denn je größer ihr Anteil wurde, desto bessere Chancen auf ein Überleben hatten die Betrüger, eben weil sie dann in der absoluten Minderheit waren. Gleichzeitig beobachteten die Forscher einen Vorgang, der sie selbst überraschte: Statt dass sich auf beiden Seiten das jeweils beste Genom durchsetzte, stieg die genetische Variabilität eher noch an. Ein "multikulturelles" System bildet offenbar die Grundlage für Stabilität - jedenfalls bei den Dictys. -  Matthias Matting, Telepolis vom  05.06.2015

Amöbe (5) Beobachtet man eine Amöbe in ihrem natürlichen Lebensraum, d.h. nicht herauspipettiert auf einem Objektträger, sondern frei in der Kulturschale, in der sie lebt, so ist man erstaunt über die Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit ihres Verhaltens. Wäre sie so groß wie ein Hund, sagt der beste aller Protozoenkenner, H. S. Jennings, würde man nicht zögern, ihr ein subjektives Erleben zuzuschreiben. Es ist nur die einzige, oben beschriebene Bewegungsweise, mit der die Amöbe alle Umweltsituationen bewältigt. Man muß sich vor Augen halten, daß es ein und derselbe Mechanismus ist, mittels dessen sich die Amöbe einer schädlichen Einwirkung durch »ängstliche« Flucht entzieht, auf eine günstige zustrebt und im Optimalfall einen Gegenstand, der positive Reize ausstrahlt, »gierig« umfließt und sich einverleibt. Die Amöbe flieht und frißt mit einem und demselben Bewegungsmechanismus!

Die anpassende Information, die der scheinbaren Intelligenz der Amöbe zugrunde liegt, gründet sich ausschließlich auf ihre Fähigkeit, sehr verschiedene Außenreize selektiv zu beantworten, wobei allerdings die Quantität der Reaktion so verschieden sein kann, daß sie den Beobachter über die Identität des Bewegungsmechanismus täuschen kann. Eine Amöbe, die, durch irgendein Gefälle von Temperatur, Säurekonzentration und dergleichen gesteuert, träge einem günstigeren Wohnraum zukriecht, macht einen ganz anderen Eindruck als eine, die sich auf ein Beute-Objekt »stürzt«, oder gar eine, die mit scheinbarer Schlauheit ein raschbewegliches Wimpertier mit mehreren Pseu-dopodien zu umgarnen im Begriffe ist. Die große Variabilität des Verhaltens und seine auf so einfachem Wege zustande kommende Orientierung in allen drei Raumrichtungen lassen eine Amöbe als erstaunlich »intelligentes« Tier erscheinen. Sie sind indessen, wenn man so sagen will, kein »Verdienst« der Amöbe, denn sie beruhen nur auf Fähigkeiten, die dem Protoplasma als solchem zukommen und damit auch einem Lebewesen, das ausschließlich aus solchem besteht.  - Konrad Lorenz, Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. München 1997

 

Kleinvieh

 

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