llegorie  Alles ist Allegorie, sagt mein Philip. Jedes Geschöpf ist der Schlüssel zu allen anderen Geschöpfen. Ein Hund, der auf einem Sonnenflecken sitzt und sich leckt, sagt er, ist in einem Augenblick ein Hund und im nächsten ein Gefäß der Erlösung. Und vielleicht sagt er die Wahrheit, vielleicht leben wir nur in der Vorstellung unseres Schöpfers (unseres Schöpfers, sage ich), werden herumgewirbelt wie in einem Mühlgraben, durchdringen unsere Mitgeschopfe und werden von ihnen durchdrungen, zu Tausenden. Aber wie, frage ich Sie, soll ich damit leben können, dass Ratten und Hunde und Käfer Tag und Nacht durch mich hindurchkrabbeln, ertrinken und nach Luft schnappen, mich kratzen, mich kauen, mich tiefer und tiefer in die Offenbarung drängen - wie?

Retten Sie, lieber Herr, meinen Mann. Schreiben Sie! Sagen Sie ihm, däss die Zeit noch nicht gekommen sei, die Zeit der Riesen, die Zeit der Engel. Sagen Sie ihm, dass wir noch immer im Zeitalter der Flöhe leben. - Elizabeth, Lady Chandos, an Francis Bacon, nach J. M. Coetzee, Süddeutsche Zeitung vom 4.10.03

Allegorie (2)   Am 20. Dezember hat er das Gespräch darauf gebracht, wie man die Figur des Homunculus und den Mummenschanz am Kaiserhofe darstellen könne. Goethe hatte abgewehrt: «Es würde ein sehr großes Theater erfordern und es ist fast nicht denkbar.» «Ich hoffe es noch zu erleben», war Eckermanns sehr bestimmte Antwort gewesen. «Besonders freue ich mich auf den Elefanten, von der Klugheit gelenkt, die Victoria oben, und Furcht und Hoffnung in den Ketten an den Seiten. Es ist doch eine Allegorie, wie sie nicht leicht besser existieren möchte.» - Johann Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. München 1976 (dtv, Nachw. Ernst Beutler, zuerst 1834)

Allegorie (3) 

- N. N.

Allegorie (4)  Er erwacht mitten in der Nacht im plötzlichen klaren Bewußtsein, nie etwas von den ALLEGORIEN seines Lebens verstanden zu haben. Das ganze Leben ist ein Netz von ALLEGORIEN, und jetzt, im Dunkeln, versucht er zum ersten Mal, einige davon zu entschlüsseln. Zuerst seine Frau, die neben ihm schläft. Ist sie vielleicht die ALLEGORIE DER GERECHTIGKEIT? DER DISZIPLIN? Er wird nicht klug daraus, sieht aber zu seiner Frau, die er kaum erkennen kann, mit einem Gefühl der Vorsicht hinüber, wie wenn er neben etwas Riesigem läge. Vielleicht kann man im Lauf des Lebens die ALLEGORIE wechseln? Vielleicht war seine Frau früher die ALLEGORIE DES LEBENS ALS BEDEUTUNG und lebt jetzt als WELTORDNUNG fort? Und in welchem Bild erscheint die feierliche und strenge Figur der Ehefrau? In was hat sich die ALLEGORIE DER BEDEUTUNG verwandelt? Er denkt jetzt an seine beiden Kinder: zusammen könnten sie die ALLEGORIE DER ZUKUNFT sein und folglich könnte ihnen - ohne ihr Wissen - die ALLEGORIE DER BEDEUTUNG übertragen worden sein. Es sind aber zwei - ein Junge und ein Mädchen. Der Junge könnte die ALLEGORIE DER KRAFT sein, der ERBAUER; er bezweifelt es jedoch - vermutlich ist er die ALLEGORIE DES SPIELS. Und die Tochter? Einen Augenblick lang denkt er, sie könnte die ALLEGORIE DES TROSTREICHEN TODES sein. Aber wahrscheinlich gehört seine Tochter gar nicht demselben Allegoriensystera an, in dem er lebt, und bereitet sich schon darauf vor, einem anderen System beizutreten.  - (pill)

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