bhauen   Sie will abhaun. Ich pack sie an den zarten Handgelenken. Aber ich hab ihre Kräfte falsch eingeschätzt, oder ich wollte sie nicht zu brutal anfassen. Na ja, will mich nicht rausreden. Sie macht sich los und läuft zum Bett. Ich stürze hinter ihr her. Aber sie ist ganz schön wendig. Eine richtige Schlangenfrau. Sie entwischt mir und läuft nach draußen. Ich falle lang hin. Bebert hat mir ein Bein gestellt und fällt über mich her. Ich schlage aus wie ein Esel. Dann hab ich meine Kanone wieder in der Hand und ziehe ihm eins über die Rübe. Den bin ich los. Jetzt renne ich hinter dem Mädchen her. Sie läuft m Richtung Boulevard Soult. Der Zwerg steht vor meinem Wagen und beobachtet die Szene. Ich rufe ihm zu, er solle das Mädchen aufhalten. Aber er kapiert es nicht. Aus einer der Baracken sind zwei Männer gekommen, neugierig geworden. Das Mädchen läuft auf meinen Wagen zu und... verdammte Scheiße! Das hat mir grade noch gefehlt. Sie schickt den Zwerg in den Staub, klettert ins Auto und rast los. - Léo Malet, Kein Ticket für den Tod. Reinbek bei Hamburg 1992 (zuerst 1957)

Abhauen (2)    - Ich hau ab hier! sagte Mozziconi ständig. Er wußte aber nicht, wohin er gehen sollte. Nach rechts oder nach links, aufwärts oder abwärts, in die Stadt oder aufs Land oder wohin denn? Vielleicht würde er eine waldige Wiese, ein ebenes Gebirge oder einen steinigen Sandstrand am Ufer des Meeres finden oder sogar eine Stadt ohne Straßen und ohne Häuser. Solange er aber ein Haus 'ganz allein für sich hatte, würde es für ihn doch schwierig sein wegzugehen.

An einem Tag voll Regen, Wind und großer Wut entschloß sich Mozziconi, sein Haus zum Fenster hinauszuwerfen. Er begann damit, die Möbel hinauszuwerfen. Zwei Stühle, eine Seegrasmatratze, ein Tischchen, eine Truhe und ein Nachttischchen. Dann warf er einen Kochtopf, eine Pfanne, sechs Teller, zwei Gabeln, einen Korkzieher und vier Löffel zum Fenster hinaus.

Die Leute, die auf der Straße vorbeikamen, lasen alles auf, was Mozziconi hinauswarf. Er warf auch ein silbernes Tellerchen hinaus, das er einmal bei einer Lotterie gewonnen hatte, und zudem viele Pakete alter Zeitungen, Leintücher aus Wolle und Decken aus Baumwolle. Mozziconi hatte ganz eigene Vorstellungen von Wolleund Baumwolle, warmund kalt, und vielem anderen.

- Nehmt nur, nehmt, sagte er zu denen, die unter dem Fenster vorbeigingen.

- Was machst du denn, Mozziconi? fragte ein Dieb, dem es nie gelungen war, etwas zu stehlen.

- Das siehst du doch, oder? Ich werfe mein Haus zum Fenster hinaus.

- Das ganze Haus?

- Jawohl.

- Läßt du mich etwas stehlen?

- Du kannst nehmen, was du willst.

- Ich will aber stehlen.

- Stiehl, was du willst.

- Nein. Du mußt tun, als würdest du schlafen, ich trete heimlich ein, stehle etwas und laufe weg.

- Dazu habe ich keine Zeit.

- Wenn du mich etwas stehlen läßt, zahle ich dafür, sagte der Dieb und zog seine Brieftasche heraus.

- Ich habe schon fast alles rausgeworfen.

~ Mir reicht wenig.

- Ein Ofen aus Gußeisen steht noch da. Der Dieb trat ins Haus ein, versuchte, den Ofen zu nehmen, doch er war zu schwer. Er half Mozziconi, ihn aus dem Fenster zu werfen.

- Anstatt zu stehlen, habe ich gearbeitet. Der Dieb ging weinend weg. In seinem ganzen Leben war es ihm nicht gelungen, etwas zu stehlen, und auch diesmal war es wieder schief gegangen. - Luigi Malerba, Geschichten vom Tiber. Frankfurt am Main 1997

 

Fliehen

 

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